Innovation durch interdisziplinäres Denken

Prof. Dr.-Ing. Volker Gollnick ist seit 2007 Institutsdirektor am Institut für Lufttransportsysteme des DLR am Standort Hamburg, das gemeinsam vom DLR und der Technischen Universität Hamburg Harburg gegründet worden ist. Im Interview spricht er über die Herausforderungen für die Luftfahrtindustrie in Norddeutschland und den Erfolg seines Instiuts.

DLR-Lufttransportsysteme stehen für Forschung und Lehre zum Systemverständnis für die komplexen Zusammenhänge des Lufttransports. Die Forschung umfasst Konzepte‚ Vorentwürfe und Optimierung von Teilsystemen, wie zum Beispiel von zukünftigen Flugzeugkonfigurationen sowie Simulation und Bewertung ganzer Lufttransportsysteme im Hinblick auf die Nachhaltigkeitskriterien der Ökonomie und Ökologie. In vier Abteilungen wird das breite Spektrum des Lufttransportsystems von 40 Mitarbeitern erforscht.

Herr Professor Gollnick, wo liegen die Besonderheiten und die spezifischen Herausforderungen für die Luftfahrtindustrie in Norddeutschland?

Wir haben im Norden den größten Produktionsstandort für zivile Verkehrsflugzeuge in Deutschland. Allerdings gibt es im Bereich der Entwicklungs- und Innovationskompetenzen Potenziale und Notwendigkeiten, die Wertschöpfungstiefe auszubauen. Hier wären insbesondere Entwicklungen im Bereich „Intelligente Technik“ zukunftsweisend. Aufgrund der seit Jahrzehnten praktizierten europäischen Arbeitsteilung im Flugzeugbau fehlt den Unternehmen in Deutschland und anderen Teilen Europas an Einzelstandorten die Kompetenz zur Gesamtflugzeugentwicklung. Je mehr Gesamtflugzeugkompetenz vorhanden ist, desto flexibler kann ein Standort auf technologiegetriebene Strukturänderungen reagieren und wettbewerbsfähig bleiben. Ein Beispiel hierfür ist die zunehmende Bedeutung softwarebasierter Systeme im Flugzeug. Diese Systeme müssen in relativ kurzen Intervallen erneuert werden und können dadurch regelmäßigen Umsatz bei den Anbietern generieren.

Es gibt Potenziale, den Standort Norddeutschland durch eine noch engere Zusammenarbeit in der Forschung weiter zu stärken. Wir benötigen einen Forschungsverbund Luft- und Raumfahrt der norddeutschen Bundesländer.

Die dynamische Entwicklung Ihres Instituts am Standort Hamburg ist eine Erfolgsstory. Was sind die Gründe?

Initial war es das gemeinsame Interesse der Technischen Universität Hamburg-Harburg und des DLR, am Standort Hamburg ein solches Institut aufzubauen. Insbesondere das DLR hat sich hier intensiv engagiert, weil es am größten deutschen Luftfahrtstandort die zwingende Notwendigkeit einer profunden wissenschaftlichen Systemforschung am Lufttransport für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit dieser Sparte sieht. Zur erfolgreichen Umsetzung hat die Wirtschaftsbehörde Hamburg substanziell beigetragen, weil sie Clusterbildung und Vernetzung der Luftfahrtindustrie fördert und den Standort auf der grünen Wiese ermöglicht hat. Unterstützung kam auch von den großen Unternehmen der Luftfahrtindustrie in Norddeutschland. Und schließlich ist der Standort Hamburg attraktiv für junge Wissenschaftler aus dem In- und Ausland, ohne die sich ein solches Institut nicht entwickeln könnte.

Sie sprachen bereits die hohe Bedeutung der Attraktivität für junge Fachkräfte an. Die können auch in der Region ausgebildet werden? Was wäre denn aus Ihrer Sicht der ideale Studiengang, um die Luftfahrtindu-strie in Norddeutschland zu stärken?

Bisher gibt es gerade im Fachhochschulbereich in Norddeutschland Spezialisierungen auf die Ausbildung von Fachkräften für die Luftfahrtindustrie. Aber auch an den Technischen Universitäten in Braunschweig und Hamburg erfolgt eine erstklassige disziplinäre wissenschaftliche Ausbildung seit jeher. Dennoch lässt sich ein fehlender Fokus auf wissenschaftliches Personal feststellen, das die Fähigkeit besitzt, Disziplinen übergreifend und integrierend zu forschen. Hier besteht Handlungsbedarf, weil es die Innovationskraft einer Region stärkt, wenn es eine Balance zwischen praxisorientierter Ausbildung an den Fachhochschulen und starken Standbeinen in der Wissenschaft an den Universitäten gibt.

Aus meiner Sicht sollten die Universität Hamburg und die Technische Universität Hamburg-Harburg mehr wissenschaftliches Personal für die Luftfahrtindustrie ausbilden. Gerade die wissenschaftliche Ausbildung in der Informatik und Elektronik sowie deren Anwendung im Transportwesen sollten massiv gestärkt werden. Dabei geht es darum, den Schritt zu schaffen, Systemforschung als neue „Disziplin“ zu begreifen, um auf verschiedenen Ebenen von der gesamten Transportkette bis hin zur Mikrosystemtechnik alte Pfade zu verlassen und neue Lösungen zu denken. Hierbei spielen auch nicht-technische Disziplinen, wie kollaborative Arbeits- und Entscheidungsmethoden, sowie Denkformen aus der Philosophie und Psychologie zunehmend eine wichtigere Rolle. Diese Fähigkeiten sind vor allem bei wissenschaftlich ausgebildeten Absolventen der Universitäten anzusiedeln, die eine Vordenkerrolle in den verschiedenen Berufs- und Geschäftsfeldern einnehmen müssen.

Quelle: HWWI 2012